Liebe und Selbstliebe in Zeiten von SocialMedia, Selbstcoaching, überbordender Toleranz und Haltlosigkeit.
Tanja und Jerome torkeln durch ihre Beziehung genauso wie durch Alltag und Freizeit, sie tasten nach Halt bei sich, beim Gegenüber … und greifen doch immer knapp daneben.

Ein Sittengemälde der Generation 2.0? Egal – auf jeden Fall schafft es Leif Randt, die Leserin erstaunlich nahe an seine Hauptfiguren heranzuführen. Selbst wenn ihr Schwanken zwischen Aktionismus, Erlebnissucht und Lethargie manchmal auf die Nerven geht – das soll es wohl auch – möchte man zu jedem Zeitpunkt wissen, wie es mit Tanja und Jerome weiter (zu Ende) geht.

… hatte er entschieden, Bestätigung für seine äußere Persönlichkeit nur als Bonus zu begreifen, das tatsächliche Enjoyment musste von seiner inneren Persönlichkeit ausgehen. Seit er sich so sah, hatte sich Jerome oft unabhängig gefühlt.

Leif Randt: Allegro Pastell

Brief an das Buch

Hallo Allegro Pastell,

was mich ein wenig wundert, ist die absolute Unvereinbarkeit der Kritikerstimmen dich betreffend. Es geht hier nicht um „Gefällt mir“ und „Mag ich nicht“. Ich spreche vielmehr davon, dass der eine in dir einen heimeligen Gutelaunetext liest – „Die Nachfolge-Generation entdeckt die Ado-Gardine“ (Fischer, RNZ 03.03.2020) – und der andere „eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“ (Mangold, Zeit 05.03.2020).

Was willst du eigentlich? Oder darf ich das nicht fragen? Ich mag es ja auch nicht, wenn gleich nach dem Sinn eines Textes, nach Moral oder Erklärungen gesucht wird.
Aber in deinem Fall scheint es mir angebracht: Willst du unterhalten, persiflieren oder durchdringen? Bist du kurzweilige Abwechslung oder das mikroskopisch genau ausgearbeitete Bild einer ganzen Generation?
Anders gefragt: Sind Tanja und Jerome die realen wie idealen Vertreter eines modernen Menschenschlags oder vielmehr die schwungvoll dahin geworfenen Skizzen einer Gesellschaft, die irgendwie auf der Suche ist nach irgendwas?

Du merkst schon, ich tendiere eher zu letzterem. Ich nehme den beiden nicht ab, was ihnen Ijama Mangold an Erkenntnisfähigkeit zuschreibt:
„Sie passen perfekt zusammen, weil sie beide obsessive Beobachter sind. Hinter jedem Wort und jeder Geste des anderen erkennen sie sofort den Code und beziehen sich in ihrer Reaktion nicht nur auf diesen Code, sondern auch darauf, dass er weiß, dass sie weiß, dass er die Codeanspielung verstanden hat. Unendliche Rekursivität würden das Kybernetiker nennen.“ (Ebd.)
Dass ich das so nicht lese, ist keine Kritik an dir. Im Gegenteil, ich wäre höchst misstrauisch, wenn sich das plumpe Stochern in psychologischen Gemeinplätzen, zu dem vor allem Jerome neigt – „ich denke, dass ich jetzt so fühle …“ – als lebensechtes Bild einer ganzen Generation entpuppen würde.

„Durch Dauerreflexion, Ich-Design und Selbstbeobachtung wird der Anteil schmutzig-schwitziger Natürlichkeit heruntergefahren, aber er verschwindet nicht, sondern, psychohygienischer Energieerhaltungssatz, kehrt wieder als bewusst gewollte Entfremdung.“ (Ebd.)
Oh ja, die Entfremdung ist da. Sie wird bemerkt und unter  gewissen Umständen sogar begrüßt. Aber gewollt ist sie nicht und schon gar nicht das, was die Figuren des Romans tatsächlich umtreibt. Die Fassade aus „Ich-Design und Selbstbeobachtung“, die Jerome und Tanja nach Innen und Außen errichtet haben, wird allzu oft durchlässig.
Zum Glück, denn gar so einfach gestrickt sind menschliche Wesen nicht.

Genau das, Allegro Pastell, bildest du ab: Den Versuch zweier Wesen des Medienzeitalters, sich selbst und ihrem Gegenüber habhaft zu werden. Ihr Instrumentarium und damit ihr Erfolg bleiben begrenzt. Das Gefühl, dass da noch viel mehr ist, was unter der Oberfläche brodelt, drängt sich zunehmend auf – keine neue Erkenntnis, aber eben darin ein Reflektion der menschlichen Konstitution, in der sich die Leserin wiedererkennt.

Mehr muss nicht sein und das ist gut so, liebes Buch.
Mit freundlichen Grüßen, raban

Zitate:
Sebastian Fischer, RNZ 03.03.2020
Ijoma Mangold, Zeit, 05.03.2020