So kurz ist die Geschichte gar nicht, die uns Altmeister Christoph Ransmayr mit dem “Fallmeister” serviert. Sie findet statt in einer nahen, dystopischen Zukunft, die heute bekannten Regionen der Erde sind zersplittert zu einem Mosaik kleinster Staaten und Stammesverbände. Diese liegen zumeist mit ihren Nachbarn im Krieg um die alles beherrschende Ressource: Wasser, vor allem fließendes Wasser, ist rares Nahrungsmittel und dringend benötigter Energieträger. Hydrotechnikern wie dem Ich-Erzähler kommt daher ein besonderer Status zu – sie dürfen im Dienst ihrer Wassersyndikate reisen, genießen erweiterten Zugang zum Daten-Weltnetz und werden von der einfachen Bevölkerung geachtet, als seien sie die Vertreter einer weltumspannenden Religion.

Ransmayr-Der Fallmeister, S.Fischer Verlag

Zunächst ist das setting des “Fallmeisters” interessant, die Disposition der handelnden Figuren unerwartet und packend. Es tun sich jedoch im Verlauf der Geschichte immer wieder Untiefen auf, an denen der Text auf Grund zu laufen droht …

Hinter der halbwegs systemtreuen Maske des Hauptprotagonisten brodelt es gewaltig – wie die Wasser des “Weißen Flusses”, an dessen Ufer er seine Kindheit und Jugend verbrachte: eine Kindheit, die um den traditionssüchtigen Vater kreist, um die flüchtige Mutter und das inzestuöse Verhältnis zur Schwester. Und immer ist es das Wasser, das die Kulisse des Lebens stellt, der Fluss, der die Familie verbindet, entzweit, der Nähe schafft und Kommunikation unmöglich macht. Christoph Ransmayr wird nicht müde, die Analogien zwischen Wasser und menschlicher Befindlichkeit auszubreiten.

Die Sprache selbst schäumt und sprudelt im “Fallmeister” wie der allgegenwärtige Strom. Manchmal geht das gut. Dann beschwört Ransmayr intensive (Natur-)Bilder herauf, die der Leserin lange vor dem geistigen Auge stehen. Allzu oft trägt dieser Wortschwall aber nur dazu bei, das Geschriebene, das Erzählte zu verwässern. Ein Beispiel?

“Es war, als ob selbst mein Herzschlag sich plötzlich verlangsamt hätte und mein Blut nicht, wie sonst in den Augenblicken des Wiedersehens, durch meine Adern wirbelte, pulsierte, sondern zäh und heiß und vom Stillstand bedroht dahinkroch.”

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister

All dies, um zu sagen, dass sich der Erzähler das Wiedersehen mit seiner Schwester anders vorgestellt hatte.

Tatsächlich scheint es, als beschreibe Ransmayr äußere Gegebenheiten viel sicherer und eindrücklicher als die inneren. Geht es um das Seelenleben seines Protagonisten, gerät der Autor regelmäßig ins Schwurbeln und Wiederkäuen. Viele Motive werden wiederholt – bis in die Formulierungen selbst hinein – ohne dass damit ein literarischer Effekt lesbar würde.

Dazu kommt, dass das sujet des Romans zwar konsequent durchgeführt wird – das rückwärts Gewandte führt zu Gewalt, zum Töten – es stellt sich aber auch zunehmend als durchschaubar heraus, als wenig tragfähig vor allem im Hinblick auf die Wucht der Worte, die auf die Leserin niederprasseln. Das mentale Lavieren des Helden, seine Aktionen und emotionalen Wirrnisse sind vorhersehbar und wenig originell. Da hilft es auch nicht, sie in Lage um Lage von Sprachschaum zu packen.

Am Ende bleibt dennoch festzuhalten, dass Ransmayrs neuer Roman durchaus lesenswert ist. Der Versuch, das Klammern an die Vergangenheit als eine Form des Wahnsinns, der gewalttätigen Debilität zu fassen, lässt sich durchaus als Kommentar zu einer Gesellschaft lesen, in der das rückständige Gedankengut einer AFD, einer Front National oder eines Donald Trump wuchert.
Der Gedanke zählt, heißt es. Das reicht aber bei einem solchen literarischen Anspruch, bei einer solchen Erwartungshaltung an den Leser – und vom Leser an den Autor – nicht aus. Ohne die thematischen Redundanzen, mit einem strengeren Blick auf sprachliches Treibgut … das heißt: Als tatsächlich kurze Geschichte vom Töten hätte aus dem “Fallmeister” eine relevante Fußnote unserer Gegenwart werden können.

Brief an den Autor

Lieber Herr Ransmayr,

was habe ich Ihre Romane geliebt. “Die letzte Welt”, “Morbus Kitahara” oder “Der fliegende Berg” haben mir immer wieder aufs Neue den Glauben daran zurück gegeben, dass deutschsprachige Literatur zugänglich und, ja: unterhaltsam sein kann, ohne damit belanglos zu werden.

Das mag der Grund sein, weshalb ich Ihren neuen Text reichlich ungnädig bespreche. Vielleicht hätte ich die alten Romane noch einmal aus dem Regal nehmen sollen, um den “Fallmeister” nicht nur in Relation zu meinen Erinnerungen, sondern auch im Zusammenhang Ihres bisherigen Werkes zu lesen. 

Das habe ich nicht getan. Deshalb kann ich nur folgendermaßen – in größter Hochachtung – verbleiben: Es ist besser, hohe Erwartungen zu enttäuschen als niedrige Erwartungen zu erfüllen. Und unter Umständen bestätigt sich so das Thema Ihres Romans ganz unerwartet im äußeren Leben: Mit rückwärts gewandtem Blick kommt man nur ins Stolpern.

Mit freundlichen Grüßen,
raban

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