Vorweg: Mit Vermes Welterfolg “Er ist wieder da” hat sein neuer Text “U” nichts zu tun. Er ist weder Roman noch Novelle, ganz sicher kein wie auch immer geartetes Gedicht.

Jetzt mag der Leser wohlmeinend entscheiden, er habe es hier mit einer neuen Form zu tun: Unmittelbarkeitserzählung? Außer-Atem-Gestotter? Mit kritischem Blick möchte man dem Autor unterstellen, er sei mit einer literarischen Fingerübung weit übers Ziel hinaus geschossen.

Kurz zum Inhalt: Die Protagonistin steigt nach einem langen Arbeitstag in die U-Bahn, nur ein paar Stationen von zuhause entfernt. Doch die Fahrt kommt nicht an, der Wagon rattert immer weiter in die Nacht hinein, die beiden anderen Handelnden – ein junger Mann im gleichen Abteil, eine Schwangere nebenan – sind da und doch wieder nicht, ziehen vorbei wie die Haltestationen: leer, leblos, steril.
Irgendwann ist die endlose Fahrt dann doch zu Ende und die Moral von der Geschichte lautet: Nimm nicht den Aufzug, geh lieber über die Treppe nach oben.

Erzählt wird in kurzen Zeilen, Halbsätzen und Satzfetzen.

Flackert eins, Flackert noch eins.
Eins aus.
Zwei flackert.
Zwei drei flackern.
Eins aus, zwei aus.
Jetzt auch drei aus.

(Vermes, T: U)

Dabei lebt die scheinbare Originalität des Textes vor allem vom Schriftbild. Liest man die einzelnen Abschnitte flüssig hintereinander, ist der Ton zwar immer noch atemlos zackig, aber bei weitem nicht mehr so aufreizend interessant wie auf den ersten Blick.
Vermes möchte laut einem Interview mit dem BR eine besondere Unmittelbarkeit des Erzählten herstellen:

Aber ich wollte es möglichst nah durch die Dame mit dem Koffer erleben. […] Und dann müssen Sie beschreiben: Sie geht dahin, sie schaut das an, usw. Und ich fand, das macht Sachen kaputt, weil der Erzähler zwischen mich und die Dame geschaltet ist.

Leider gelingt es Vermes nicht, wirklich ins Erleben seiner Protagonistin einzutauchen. Er reduziert zwar die Form des Erzählens auf drastische Weise, aber nicht das Erzählte. Nur, indem man einen Satz vor seinem natürlichen Ende beschneidet, wird dieser Satz nicht persönlicher.

Wacht auf.
Stöhnt.
Sieht Änderung.
Sieht U-Bahn.

(Vermes, T: U)

Auch in seiner elliptischen Form ist der zitierte Abschnitt nichts weiter als eine banale Beschreibung. Er stellt keine besondere Nähe her. Vielmehr lässt er gerade in dieser Reduktion jede Nähe zur Person vermissen – daran mag es liegen, dass, wie erwähnt, Personen und Schauplätze leblos und austauschbar wirken. Da erscheint es schon ungewollt komisch, wenn ein Rezensent “U” in die Nähe eines “Berlin Alexanderplatz” rückt:

Auch bei diesem im Jahr 1929 erschienen Roman ist das Thema die Moderne und auch hier wird mit einer expressiven Sprache und mehr oder weniger poetischen Mitteln gearbeitet.

(https://buchszene.de/u-bestseller-check/ – 21.01.2022)

Nein. Um es noch einmal klar zu stellen: Man sagt nicht automatisch mehr, je weniger man sagt.

Zurück zur ursprünglichen Fragestellung: Was ist “U” und vor allem – lohnt es sich, den Text zu lesen?
Es ist sicher kein Fehler, einmal in Vermers Text hinein zu schauen. Aber hängen bleibt nichts. Wir lesen hier nicht in neuer Form – wir lesen Unvollständiges.
Der Verdacht liegt nahe, dass es mehr Spaß machte, “U” zu schreiben, als es zu lesen.